Damit kein Wanderer mehr unter die Räder kommt

Der große Aufbruch begann, als der Regen einsetzte – am Abend des 10. März. In den Tagen vorher war es warm, aber trocken gewesen, deshalb waren pro Nacht nur um die 20 bis 30 Tiere in den Fangeimern gelandet. Aber als das Wetter umschlug, gab es kein Halten mehr: An einem einzigen Abend half das Amphibien-Rettungsteam unserer NABU-Gruppe über 1600 Kröten, Fröschen und Molchen sicher über den Sudermühler Weg in Egestorf – zu ihren Laichplätzen in den beiden Teichen, die nördlich der Straße liegen.

Einige der Erdkröten, die das Amphibien-Rettungsteam des NABU an einem einzigen Märzabend entlang des Sudermühler Wegs abgefangen und sicher zu ihren Laichplätzen gebracht hat. Das Video hat Kathrin Jordan aufgenommen.

280 Meter lang ist der Zaun, den Conny Schwanemann und insgesamt 24 Helferïnnen am Rand der kopfsteingepflasterten Straße zwischen Egestorf und Sudermühlen aufgebaut haben. Das sind 90 Meter mehr als im vergangenen Jahr – dank einer Spende der BINGO-Umweltstiftung, die uns die Anschaffung eines neuen Teilstücks samt Fangeimern ermöglicht hat. In den Eimern, die das Team entlang des Zauns in die Erde eingelassen hat, landen die Tiere, die sich vor allem in milden Vorfrühlingsnächten auf den Weg zu ihren Laichplätzen gemacht haben. Jeden Morgen und jeden Abend tragen die jeweils „diensthabenden“ Retterïnnen die Eimer mit den aufgehaltenen Wanderern auf die andere Straßenseite. Außerdem führen sie Buch über deren Zahl und die Arten, die unter ihnen vertreten sind.

Blick vom aufgestellten Amphibien-Zaun im Vordergrund über eine Straße mit fahrendem Auto zu einem baumbestandenen Teichgelände
Der Amphibienzaun am Rand des Sudermühler Wegs bei Egestorf schützt zumindest einen Teil wandernder Kröten, Frösche und Molche davor, von Autos überfahren zu werden. Foto © Conny Schwanemann

Soweit die reinen Pflichtaufgaben eines Amphibien-Rettungseinsatzes. Der bietet für diejenigen, die ihn leisten, jedoch auch einen Gewinn: Die Betreuung eines Krötenzauns ist eine wenigen Gelegenheiten, heimische Wildtiere in ihrer natürlichen Umgebung buchstäblich hautnah zu erleben.

Man kann dabei, zum Beispiel, das charakteristische Warzenrelief auf dem Rücken einer Erdkröte aus nächster Nähe betrachten. Die Spezies Bufo Bufo, so ihr wissenschaftlicher Name, stellt um die 90 Prozent aller Wanderer am Sudermühler Weg.

 

Man kann erfahren, dass der Springfrosch, ein Bewohner lichter, gewässerreicher Laubwälder, seinem Namen oft mehr als gerecht wird: Die Tiere schaffen es, mit einem Satz aus dem Fangeimer zu hüpfen, wenn man nicht aufpasst. 

Schwarzglänzendes Reptil auf einem Schutzhandschuh
Selbst der Kammmolch, größter unter den heimischen Molcharten, hat auf einer Hand Platz. Foto © Wolfgang Weymann

Man kann, mit etwas Glück, auch die weniger häufigen der heimischen Amphibienarten entdecken: Molche. Teich- und Fadenmolch waren schon im vergangenen Jahr am Sudermühler Weg mit einigen Exemplaren vertreten; in diesem Jahr hat das Amphibienteam erstmals einen besonders seltenen Kammmolch registriert; er ist mit bis zu 18 Zentimeter Länge der „Riese“ seiner Artengruppe.

 

Und er ist, wie alle Molch-Arten, aber auch Frösche und Kröten, durch mehrere Faktoren gefährdet: durch Zerstörung oder Austrocknung von Kleingewässern, durch Pestizid- und Düngeeinträge von intensiv bewirtschafteten Agrarflächen, durch Fische, die in Tümpeln oder Teichen ausgesetzt oder „entsorgt“ werden – und sich dann über den Laich der Amphibien hermachen. Dazu kommt dann noch die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen, auf denen jedes Jahr Abertausende wandernde Tiere den Tod finden.

Amphibienzäune können die bedrängten Populationen immer nur punktuell schützen – auch am Sudermühler Weg sind trotz der Verlängerung des Zauns in diesem Jahr immer noch 500 Meter Wanderstrecke ungeschützt. Das NABU-Team hat schon jetzt etliche Abendstunden damit verbracht, die Tiere an diesen Abschnitten direkt von der Straße abzusammeln, zum Teil bis weit nach Mitternacht. Aber letztlich ist das eine Notlösung.

Wirksamen Schutz würde eine zeitweilige Sperrung des Sudermühler Wegs bringen, etwa mithilfe einer Ampel, die zumindest zu den Hochzeiten der Amphibienwanderung nachts auf Rot springen würde. An solchen Tagen müssten Autofahrer auf dem Weg von und zum Sudermühler Hof einen wenige Kilometer langen Umweg über Sahrendorf in Kauf nehmen.

 

Dass zeitweilige Sperrungen nicht nur funktionieren, sondern auch akzeptiert werden, beweist in unserem Landkreis etwa die Gemeinde Rosengarten. Sie sorgt jedes Frühjahr auf mehreren Straßenabschnitten dafür, dass wandernde Kröten, Frösche und Molche unbehelligt ihrer Wege gehen können. Und stellt darüber hinaus Schutzzäune für ehrenamtliche Helfer bereit, die eigenständig Übergänge sichern wollen. 

 

Die Gemeinde Egestorf könnte sich von diesem Engagement was abgucken. Und nebenbei zeigen, dass ihr Titel "Naturparkgemeinde" kein unverbindliches Etikett ist. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolfgang Weymann (Freitag, 17 April 2026 16:44)

    Liebes Redaktionsteam,
    vielen Dank für den grundsätzlich, bis auf den letzten Satz, gut gelungenen Bericht über die Amphibien-Rettung in Egestorf.
    Entsprechend der Formulierung, entsteht aus meiner Sicht der Eindruck, dass die Gemeinde Egestorf sich zu wenig im Sinne einer Naturgemeinde engagiert, was für mich nicht passend ist, da diese sich bislang immer offen für Initiativen und Aktionen hinsichtlich Arten- und Naturschutz zeigt.
    Zwar wurde in diesem Jahr keine Straßensperrung zum Schutz der Kröten, wie im vergangenem Jahr, initiiert, dennoch hat es eine Unterstützung seitens der Gemeinde gegeben, z. B. bezüglich der Anschaffung von zusätzlichen Schildern. Auch hätte der Bauhof der Gemeinde die Aufstellung der Schilder übernommen, was in Absprache aus unserem Helfer-Team heraus gemacht wurde.
    Darüberhinaus unterstützen der Bürgermeister, Herr Christian Sauer, sowie Vertreter/innen des Gemeinderates persönlich und tatkräftig diverse Naturschutzinitiativen. So kümmert sich die Gemeinde unter Einbindung des Landkreises Harburg z. B. in Bezug auf den jährlich stattfindenden Müllsammeltag, um die benötigten Utensilien (Warnwesten, Handschuhe, Müllsäcke, Greifzangen …) und veranlasst die Entsorgung der zusammengetragenen Müllarten. Weiterhin unterstützt die Gemeinde z. B. Bepflanzungsaktionen im Rahmen des jährlichen Naturparktages und stellt im Sinne der Initiative „essbare Landschaften“ Pflanzen sowie Arbeitsmaterialien zur Verfügung. Es konnten in den vergangenen Jahren viele Obstbäume sowie Beerensträucher gepflanzt werden und damit die Biodiversität erheblich erweitern.
    Mit diesen Beispielen möchte ich untermauern, dass der letzte Satz für mich nicht kommentarlos stehen bleiben darf und bitte dafür um Verständnis.

    Beste Grüße aus der Naturgemeinde Egestorf,
    Wolfgang Weymann (Fraktionsvorsitzender Unabhängige Wählergemeinschaft Egestorf).

  • #2

    Johanna Romberg (Montag, 20 April 2026 08:16)

    Volles Verständnis, lieber Herr Weymann. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass die Gemeinde Egestorf den NABU und das Egestorfer Helferteam beim Amphibienschutz unterstützt, und dass die Gemeinde dem Naturschutz auch darüber hinaus unter die Arme greift, ist lobenswert.

    Gleichzeitig bitten wir um ein bisschen Verständnis für unsere Sicht der Dinge.

    Wir engagieren uns nun schon viele Jahre für die heimischen Amphibien – durch das Aufstellen von Schutzzäunen in den Gemeinden Egestorf, Hanstedt und Vierhöfen, aber auch durch Pflege von Laichbiotopen. Beides erfordert erheblichen Aufwand an Zeit und Logistik, den wir als Naturliebhaber natürlich gern leisten. Einerseits.

    Andererseits machen wir leider oft die Erfahrung, dass wir letztlich nur Schadensbegrenzung leisten können. So erleben wir bei Einsätzen an Schutzzäunen immer wieder, dass Autofahrer Warn- und sogar Sperrschilder einfach ignorieren und uns hinterher nichts bleibt, als die plattgefahrenen Tiere von der Straße zu sammeln. Oder dass von uns betreute Laichgewässer – es gibt ohnehin nur noch wenige – durch Entwässerung und Überdüngung der angrenzenden Flächen an Wert verlieren.

    Solche Erfahrungen, das können Sie bestimmt nachvollziehen, tun weh und erzeugen Frust. Der wiederum dazu führt, dass wir unsere Hoffnung auf Besserung mit einem Nachdruck formulieren, der womöglich etwas überspitzt rüberkommt.

    Mit demselben Nachdruck, das sei schon jetzt versichert, werden wir eine Unterstützung durch die Gemeinde Egestorf in Sachen Straßensperrung feiern, auf die wir sehr hoffen �.