Blühende Wiesen, üppig grüne Wälder, Vogelgesang und Bienengesumm: Intakte Natur finden fast alle schön. Aber wenn es darum geht, diese aktiv zu erhalten, stößt die Sympathie schnell an Grenzen. Vor allem für die Politik ist Naturschutz oft ein Nebenthema – bestenfalls „nice to have“, schlimmstenfalls unnützes Gedöns, das von wichtigeren Dingen abhält. Diese Haltung hat neulich ausgerechnet unser hochengagiertes Amphibienschutz-Team zu spüren bekommen – bei einer Diskussion im Egestorfer Gemeinderat.
Der Anlass: ein Antrag zweier im Rat vertretener Parteien. Sie forderten im Bauausschuss die Anschaffung von Geschwindigkeitsmessern zur Verkehrsberuhigung – ein Anliegen, das wir als Naturschützer selbstverständlich unterstützen, das aber mit unserer Arbeit im engeren Sinne nichts zu tun hat. Die Parteienvertreter sahen sich dennoch veranlasst, uns in der Begründung ihres Antrags kräftig einen mitzugeben.
Die Gemeinde Egestorf, monierten sie, habe bisher zu wenig unternommen, die Sicherheit der Bürger im Straßenverkehr zu gewährleisten. „Stattdessen“ lasse sie den Bauhof Warnschilder aufstellen, „um die Sicherheit der Kröten beim Überqueren der Straße zu gewährleisten.“
Die meisten Amphibien wandern nach Einbruch der Dunkelheit, weshalb unser Rettungsteam sowohl frühmorgens wie abends im Einsatz ist – ausgerüstet mit Taschenlampen und Warnwesten. © Conny Schwanemann/NABU
Der Antrag erwähnte nicht, um welche Straße es ging, aber gemeint war natürlich der Sudermühler Weg, an dem das von unserer NABU-Gruppe unterstützte Amphibienschutz-Team seit 2025 insgesamt über 10.000 Kröten, Fröschen und Molchen vor dem Tod durch Überfahren bewahrt hat. Mit dankenswerter Unterstützung der Gemeinde Egestorf, die uns zur Kennzeichnung der Wegstrecke jeweils zwei Warnschilder mit der Aufschrift „Vorsicht Krötenwanderung“ zur Verfügung gestellt und, gemäß ihrer Umweltrichtlinie, einen Teil des Zaunes gesponsort hat.
Zwei Schilder für die temporäre Verkehrsberuhigung von 400 Meter Straße? Das war den Verfassern des Antrags offenbar zu viel des Guten. Sie befanden: „Wir sehen die Verhältnismäßigkeit hier nicht mehr gewahrt. Ohne Zweifel muss das Bemühen einiger beim Schutz der Kröten unterstützt werden, aber doch bitte nachdem für die Sicherheit der Bürger gesorgt worden ist.“

Wir rätseln seitdem, was die Antragsteller zu diesem Seitenhieb auf uns und die Gemeinde Egestorf motiviert haben könnte. Trauen sie der Gemeindeverwaltung wirklich nicht zu, sich um zwei Dinge gleichzeitig zu kümmern – Verkehrssicherheit UND Naturschutz?
Haben sie womöglich eine Verbindung zwischen beidem erkannt, die uns bisher entgangen ist? Sind am Ende gar Krötenwarnschilder daran schuld, dass Autofahrer in unserem Landkreis generell zu schnell fahren?
Oder, verwegene Vermutung: Wollten die Vertreter der beiden Parteien einfach nur die Gelegenheit nutzen, den Naturschutz mal wieder grundsätzlich in die Schranken zu weisen?
Es stimmt ja, dass wir manchmal nerven können. Wir setzen uns nicht nur für Tiere mit Flauschfell und bunten Federn ein, sondern auch für Arten, die klein, unscheinbar und glitschig sind. Wir fordern nicht nur den Schutz dieser Tiere, sondern auch ihrer Lebensräume. Wir wagen es, Froschtümpel, Feuchtwiesen und Feldhecken genauso wichtig zu finden wie Siedlungserweiterungen und Gewerbegebiete. Manchmal sogar wichtiger. Und, besonders unerhört: Wir finden, dass Schutz und Ausbau der „grünen Infrastruktur“ nicht nur eine Aufgabe für ehrenamtliche Aktivisten ist, sondern auf die Agenda einer verantwortungsvollen, zukunftsorientierten Politik gehört – auch der lokalen.
Das ist für manche Mandatsträger in den Gemeinden (und nicht nur sie) offenbar immer noch ein ungewohnter Gedanke. Der aber, da sind wir zuversichtlich, immer mehr Anhänger finden wird. Denn eine vitale, vielfältige Natur ist ja nicht nur Landschaftsdeko und Erholungsraum – sie ist auch unser aller Lebensversicherung, in Zeiten der Klimakrise mehr denn je. Das sagen nicht nur Wissenschaftler. Das sagen mittlerweile sogar Institutionen, die mit Ökologie und Naturschutz sonst eher wenig zu tun haben.
Die britische Regierung veröffentlichte kürzlich eine Analyse der möglichen Folgen des Artensterbens, basierend unter anderem auf Einschätzungen des Geheimdiensts. Dessen Vertreter wiesen eindringlich darauf hin, dass die anhaltende Zerstörung der Ökosysteme nicht nur Ernährungsversorgung und Wohlstand gefährde, sondern nicht weniger als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstelle.
Wir fragen: Sollte die Bewahrung dieser Sicherheit nicht eine Herzensangelegenheit auch der deutschen Politik sein – und zwar der ALLER demokratischen Parteien?

Wie die Antwort auch immer ausfällt: Wir vom NABU Hanstedt-Salzhausen werden weiterhin unseren bescheidenen Beitrag zum Erhalt der heimischen Naturvielfalt leisten. Übrigens nicht nur aus nationalem Pflichtgefühl: Wer jemals einen zarten Teichmolch in der Hand getragen hat oder miterleben konnte, wie Erdkröten nach einer unbequemen Nacht im Fangeimer die ersten Schwimmzüge im ihrem Laichtümpel unternehmen, der weiß, dass aktiver Naturschutz vor allem Freude macht. Die Sinne anregt, den Geist fordert, Körper und Seele guttut.
Davon können auch die Kinder berichten, die uns vor einigen Wochen am Sudermühler Weg besucht haben – und die glitschigen, warzigen Tiere begeistert eingesammelt und über die Straße getragen haben.

Wir freuen uns immer über Besuch am Krötenzaun – auch von Leuten, die sich bislang eher nicht für Amphibienschutz interessiert haben. Für dieses Jahr ist unser Einsatz beendet, denn die große Frühjahrswanderung der Lurche zu ihren Laichplätzen ist vorbei. Wir haben aber ein paar Zahlen parat, die vielleicht zeigen, dass „das Bemühen einiger beim Schutz der Kröten“ durchaus seine Wirkung gehabt hat.
Allein am Sudermühler Weg hat das 28-köpfiges Helferteam im Laufe von 6 Wochen entlang des 285 Meter langen Schutzzauns 5311 Tiere über die Straße getragen, darunter 5070 Erdkröten, 111 Faden- und 98 Teichmolche, 27 Springfrösche, 4 Grasfrösche und einen Kammmolch.
Außer uns waren noch zwei weitere Teams im Raum Hanstedt und Salzhausen aktiv: Volker Hey und seine Mitstreiter, die bereits seit 2019 an der Straße „Im Höpen“ in Schierhorn Schutzzäune aufstellen, haben in diesem Jahr die Rekordzahl von 2680 Lurchen vor dem Verkehrstod bewahrt, darunter erstmals auch 47 Molche. Die Vierhöfener „Kröten-Groupies“ um Nicola Raden haben uns 220 gerettete Amphibien gemeldet.
Einen wesentlichen Anteil an diesen Erfolgen haben unsere Unterstützer: die Gemeindeverwaltungen und die Naturschutz- und Verkehrsbehörde des Landkreises Harburg, die uns mit Informationen, Genehmigungen, Schildern und verkehrlichen Anordnungen unterstützen, die Bingo-Stiftung, die uns in diesem Jahr 95 Meter Schutzzaun und Ausrüstung finanziert hat und natürlich auch die Ratsmitglieder in den Gemeinden, denen Naturschutz ein echtes Anliegen ist.
Die Krötenschilder haben wir übrigens, anders als im Antrag behauptet, selbst vom Bauhof abgeholt und installiert – kein Mitarbeiter der Gemeinde Egestorf hat dadurch Zeit für wichtigere Aufgaben verloren! 😆



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